Dies ist die archivierte Version des Blogs vom 05.01.2017. Aktuelle Beiträge findest du unter thomas-leister.de
 

Ihr habt es sicherlich schon in den News gelesen: WhatsApp hat die Verschlüsselung der Chatnachrichten nun flächendeckend für alle Geräte eingeführt. Nachdem mein Hauptkritikpunkt an WhatsApp bisher die fehlende bzw. unzureichende Verschlüsselung der Inhalte war, fragt der ein oder andere in meinem Umfeld vermutlich: „Thomas – jetzt, wo WhatsApp doch alle Nachrichten verschlüsselt: Holst du dir endlich WhatsApp?“

Nein. Es gibt für mich immer noch mehr als genug Gründe, auf WhatsApp zu verzichten.

Bezahlt wird trotzdem

Womit verdient WhatsApp eigentlich Geld für die Bezahlung der Mitarbeiter und den Betrieb der Infrastruktur? Nachdem WhatsApp seit Januar diesen Jahres dauerhaft kostenlos zu haben ist, bleiben nur noch zwei Einnahmequellen: Werbung oder der Verkauf bzw. die Auswertung von Nutzerdaten – möglicherweise auch durch den Mutterkonzern Facebook. Dass Informationen über die eigenen Nutzer eine Goldquelle für Internetkonzerne sind, ist längst kein Geheimnis mehr. Facebook hat WhatsApp nicht ohne Grund aufgekauft. Hinter dem Kauf steckt die Gier nach detaillierteren Informationen über jeden einzelnen Nutzer. Es geht nicht darum, dem Nutzer Geld für die eigenen Dienste zu entlocken; es geht darum, möglichst viel über einen Menschen zu wissen, um passende Werbung zu schalten. Sei es (künftig) direkt in WhatsApp oder auf anderen, zu Facebook gehörenden Plattformen. Das Geld holt man sich einfach von den Werbenden.

WhatsApp könnte der Textanalyse wegen zwar auch an unseren Textnachrichten interessiert sein, doch offensichtlich erzählen alle anderen Informationen genug über uns. Schließlich hat die WhatsApp-Anwendung nicht nur Zugriff auf das, was wir aktiv als Nachricht eingeben, sondern auch auf Kontakte, Standort, Telefonnummer und weitere Details bezüglich unserer Identität, unseres Verhaltens und der Umgebung. Das alles ist für die Werbeindustrie besonders interessant und wird durch die neue, Geräte-Übergreifende End-to-End-Verschlüsselung selbstverständlich nicht abgedeckt.

Kein Internetunternehmen stellt ganze Serverfarmen und Software über so einen langen Zeitraum aus gutem Willen „einfach so“ zur Verfügung – das sollte man sich vor Augen halten. Bezahlt wird viel subtiler: Mit Informationen über die eigene Person oder andere. Ob man will, oder nicht.

WhatsApp ist ein Inselsystem

Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Freund von geschlossenen Inselsystemen bin. Vor allem, wenn es um die großflächige Vernetzung von Menschen geht, halte ich zentralisierte, proprietäre Systeme für reichlich ungeeignet und wenig förderlich für eine Gesellschaft. Warum hat sich wohl die E-Mail so sehr in unseren Alltag eingeprägt? Weil das System E-Mail offen ist! E-Mail ist ein gesellschaftliches Gemeinschaftswerk, an dem jeder Mensch mit ausreichenden Kenntnissen ohne weitere Beschränkungen teilhaben kann. Das Protokoll liegt offen und Standards wurden verabschiedet. Auf dieser Basis konnte nun geschlossene, kommerzielle, aber auch offene, freie Software geschaffen werden, die E-Mail in die Praxis umsetzt. Software, die sich an die Standards hält, kann mit Software gleicher Art problemlos zusammenarbeiten. Auf diese Art und Weise kann sich einerseits Vielfalt entwickeln – gleichzeitig bleibt ein kleinster gemeinsamer Nenner, über den Menschen störungsfrei kommunizieren können.

Bei WhatsApp sind all die Vorteile, die zum Erfolg der E-Mail bedeutend beigetragen haben, nicht gegeben. Das Protokoll ist geschlossen, es gibt keine Standards. Das einzige Unternehmen, das „WhatsApp sprechen“ darf, ist WhatsApp selbst. Damit haben wir nicht die Möglichkeit, vielfältige Software zu schaffen. Damit geben wir uns in die Abhängigkeit von einer einzigen Firma, und können nicht an der Weiterentwicklung unserer Kommunikation teilnehmen.

 

WhatsApp wird es also auch diesmal nicht auf meine Geräte schaffen. Stattdessen kommuniziere ich mit Freunden, Familie und Bekannten erfolgreich via XMPP. Das kann es mittlerweile recht gut mit WhatsApp aufnehmen – ist aber mehr „e-mail“.


Post published on 5. April 2016 | Last updated on 18. April 2016
Tags:         

Diesen Blog unterstützen

Wenn Dir der Beitrag gefallen hat, freue ich mich über einen kleinen Obolus :-) Bitcoin QR Code

PayPal-Seite: https://www.paypal.me/ThomasLeister
Meine Bitcoin-Adresse: 15z8 QkNi dHsx q9WW d8nx W9XU hsdf Qe5B 4s

Siehe auch: Unterstützung

Informationen zum Autor

Thomas Leister

Geb. 1995, Kurzhaar-Metaller, Geek und Blogger. Nutzt seit Anfang 2013 ausschließlich Linux auf Desktop und Servern. Student der Automobilinformatik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Landshut.

9 thoughts on “Nach der Verschlüsselung für alle: Was ich noch gegen WhatsApp einzuwenden habe

  • Danke Thomas.
    Leider, werden jetzt viele die damals gegangen sind wieder zurück gehen, weil es ja sicher ist jetzt .
    Schade.

  • Benutzt du XMPP auch mobil? Wie gut klappt das?

    • Es klappt wunderbar. Thomas und ich nutzen Conversation.
      Das hat ähnliche Funktionen wie WhatsApp und klappt wirklich sehr gut.

    • Genau, Malte sagt es schon. Wir nutzen viel Conversations für unsere Kommunikation und es läuft ziemlich gut. Meiner Meinung nach steht Conversations immer noch mit großem Abstand an Platz 1 der XMPP-Clients. Kleinere Aussetzer kann man zwar nicht verschweigen – die werden aber idR. relativ schnell via Update gefixt. Der Akkuverbrauch ist auf meinem Smartphone auch kein Problem: Conversations bleibt bei normaler Nutzung bei ca 1-3%.

      LG Thomas

  • – ein argument noch: E2E ohne Open source ist wie Stahltür beim Hauseingang aber Balkontür offen.

  • – Wenn der einzige Nachteil von WA (und ähnlichen Diensten) ist, dass ich personenbezogene Werbung statt beliebiger Werbung bekomme, nehme ich diesen für eine weitreichende Kommunikationsplattform in Kauf.
    – wie gut halten sich die Automobilhersteller an die offenen und freien (und frei verfügbaren) Standards des Inets? Wie sieht es da mit der Erhebung von personenbezogenen Daten aus?

    • Internet-Standards spielen im Automobilbereich (noch?) keine Rolle, bzw. nur, wenn es um Multimedia geht. Viel wichtiger sind Standards zu den Systemen, die sonst noch so im Auto verbaut sind, beispielsweise der OBD-Schnittstelle, die ja standardisiert ist. Genauso sind auch BUS-Systeme im Fahrzeug wie CAN und FlexRay standardisiert. Der Bezug auf Automobile geht aber auch etwas am Thema vorbei. Schließlich sind Fahrzeuge (noch) Systeme, die wenig mit gleichartigen Systemen kommunizieren. Sollte man Car-to-Car-Communication eine größere Rolle spielen, wäre es wieder wichtig, Kommunikationsstandards zu etablieren, damit man nicht x Inselsysteme hat, die miteinander inkompatibel sind.

      Zum Thema Erhebung von Personen-bezogenen Daten: Wenn jemand einen Cloud-Service eines Automobilherstellers verwendet, hat diese Person „die Wahl“: Der Service kann genutzt werden, oder eben nicht … oder man verzichtet ganz auf ein Modell dieses Herstellers. Die Entscheidung des einzelnen, einen Dienst zu nutzen (oder ncht) hat keine Auswirkung auf alle anderen. Im Gegenteil ist es z.B. bei WhatsApp der Fall, dass Nutzer (je nach eigener Abwägung) von der Kommunikation ausgeschlossen werden, bzw ein gewisser Druck gegeben ist, der Gemeinschaft beizutreten („Hey, installiere dir das auch mal, damit du die neuesten Nachrichten aus der Familie bekommst).

      Ich finde, das darf man nicht vermischen. Ein so weit verbreitetes Kommunikationsmedium wie WhatsApp ist etwas anderes, als ein Fahrzeug, dass ich als einzelner und unabhängig von anderen nutze.

      Fahrzeug: Mein Problem.
      WhatsApp: Nicht nur mein Problem, schließlich lade ich auch Informationen über meine Freunde (illegal) hoch und schließe sie ggf. aus.

      Ein Vergleich vllt noch: WhatsApp ist wie ein Samsung-Mobiltelefon, mit dem man nur andere Samsung-Handys anrufen kann – nicht aber iPhones. Wäre ja auch doof, oder?

      LG Thomas

  • Hi Thomas,

    Ich verfolge dein Blog schon länger und wir liegen grossteils auf einer Wellenlänge, auch wenn ich nicht immer bereit bin, um so viel Zeit aufzuwenden wie du, um eine FOSS Lösung zum laufen zu bringen.

    Zu diesem Thema hätte ich eine konkrete Frage: wie bringst du deine nicht-nerdigen Freunde dazu eine Loesung wie XMPP zu benutzen wo es doch noch Einstellungsaufwand gibt? ich bekam sie nicht mal unter Gewaltandrohung (Scherz) dazu, Signal zu benutzen.

    Wie gehst du damit um, dass du auf einmal einen Kinoabend etc. verpasst hast, weil das ja auf FB / Whatsapp ausgemacht wurde und keiner daran gedacht hat, dass du das ja nicht hast?

    Schoene Gruesse aus Hlland,

    Rene

    • Hi Rene,

      meine engsten Freunde nutzen mit mit XMPP und sind technisch versiert, d.h. damit gibt es weniger Probleme. Allen anderen biete ich an, ihnen das einzurichten. Wenn sie das nicht wollen, kann man leider nichts machen … dann wird eben auf Telefon / SMS / E-Mail ausgewichen. Ich denke mir dabei: Wenn jemanden wirklich etwas daran liegt, dass ich irgendwo dabei bin oder etwas mitbekomme, dann werde ich über andere Kanäle benachrichtigt. Alles andere ist wohl weniger wichtig. Und tatsächlich bekomme ich die wichtigsten Dinge auch ganz ohne WhatsApp mit. Ich bin dafür bekannt, nicht bei Facebook / WhatsApp zu sein… die meisten denken schon dran ;-)

      Als ich noch in der Schule war, hatte ich allerdings stellenweise schon mehr Probleme, weil man einfach weniger Ahnung hatte, was sonst gerade noch los war. Der Kontext fehlt halt oft, und von Leuten mit denen mich eh schon weniger zu tun hatte, habe ich halt dann oft gar nichts mitbekommen.

      LG Thomas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.